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Leerstand und Brachflächen

Flächen neu denken, Potenziale für Gemeinden nutzen

Im Rahmen der Webinarreihe des Projekts Team Kreislaufwirtschaft stand am 25. Juni das Thema „Leerstand und Brachflächen – Handlungsoptionen für Gemeinden und Regionen“ im Mittelpunkt. Vertreter:innen aus Gemeinden, Regionen, Verwaltung und Planungseinrichtungen informierten sich darüber, wie ungenutzte Flächen aktiviert und bestehende Ressourcen im Sinne der Kreislaufwirtschaft weiterentwickelt werden können.

Leerstände und Brachflächen sind weit mehr als ein Thema der Raumplanung. Sie zählen zu den zentralen Handlungsfeldern einer kommunalen Kreislaufwirtschaft. Denn bevor neue Flächen versiegelt und neue Gebäude errichtet werden, gilt es, bestehende Gebäude, Infrastrukturen und Flächen möglichst lange und effizient zu nutzen. Gemeinden können dadurch Ressourcen schonen, den Bodenverbrauch reduzieren, Ortskerne stärken und vorhandene Infrastruktur besser auslasten.

Im Fokus des Webinars stand die Frage, welche Möglichkeiten Gemeinden haben, um Leerstände und Brachflächen wieder einer sinnvollen Nutzung zuzuführen. Die beiden Referent:innen zeigten unterschiedliche Perspektiven: Sabine Rabl-Berger vom Umweltbundesamt gab Einblicke in den österreichischen Brachflächendialog, aktuelle Instrumente zur Identifikation von Potenzialflächen sowie die Bedeutung von Flächenrecycling im Rahmen einer nachhaltigen Boden- und Raumplanung. Lukas Fürst präsentierte anschließend anhand der Entwicklung der ehemaligen Tischlerei Melk ein Praxisbeispiel für die Weiterentwicklung einer Tischlerei in ein gemischt genutztes Quartier.

Brachflächen als Potenzial für nachhaltige Gemeindeentwicklung

Zu Beginn wurde deutlich, dass Leerstände und Brachflächen nicht nur als Problemflächen betrachtet werden sollten. Sie stellen vielmehr wertvolle Entwicklungspotenziale dar, die Gemeinden nutzen können, um bestehende Strukturen weiterzuentwickeln, Bodenverbrauch zu reduzieren und vorhandene Infrastruktur besser auszulasten.

Sabine Rabl-Berger stellte den österreichischen Brachflächendialog vor, der als Plattform für Austausch und Zusammenarbeit zwischen Gemeinden, Regionen, Verwaltung und weiteren Akteur:innen dient. Ziel ist es, Wissen zu bündeln, Erfahrungen weiterzugeben und Gemeinden dabei zu unterstützen, bestehende Flächenreserven besser zu nutzen.

Ein zentraler Punkt des Vortrags war die Bedeutung des Flächenrecyclings. Darunter wird die Wiedernutzung bereits beanspruchter Flächen verstanden, bevor neue Flächen am Siedlungsrand entwickelt werden. Flächenrecycling ist damit ein wesentlicher Baustein einer ressourceneffizienten Kreislaufwirtschaft. Dadurch können nicht nur ökologische Ziele wie der Schutz von Böden unterstützt werden, sondern auch wirtschaftliche und soziale Vorteile entstehen. Die Aktivierung leerstehender Gebäude oder ehemaliger Betriebsflächen kann zur Stärkung von Ortskernen beitragen und neue Nutzungen ermöglichen.

Dabei wurde auch die Verbindung zur österreichischen Bodenstrategie hervorgehoben. Nachhaltige Siedlungsentwicklung bedeutet demnach, vorhandene Ressourcen bewusster einzusetzen und Entwicklungsprozesse stärker auf bestehende Strukturen auszurichten.

Potenzialflächen erkennen und gezielt entwickeln

Ein weiterer Schwerpunkt des Beitrags von Sabine Rabl-Berger lag auf neuen Werkzeugen zur Identifikation geeigneter Flächen. Vorgestellt wurde unter anderem eine KI-gestützte Potenzialflächenkarte, mit der österreichweit mögliche Entwicklungsflächen erfasst wurden.

Die Karte soll Gemeinden dabei unterstützen, einen besseren Überblick über vorhandene Potenziale zu erhalten und mögliche Standorte für Nach- oder Wiedernutzungen zu identifizieren. Gleichzeitig wurde betont, dass diese Instrumente keine fertige Planung ersetzen. Die tatsächliche Entwicklung einer Fläche hängt immer von den lokalen Rahmenbedingungen ab – etwa von Eigentumsverhältnissen, Widmung, baulichen Voraussetzungen oder möglichen Belastungen.

Neben der Identifikation von Flächen ging es auch um die Frage, wie Gemeinden bei der Umsetzung unterstützt werden können. Dazu wurden verschiedene Unterstützungsangebote und Fördermöglichkeiten angesprochen, die insbesondere in frühen Projektphasen helfen können. Entscheidend sei, Projekte strategisch vorzubereiten und vorhandene Förderinstrumente gezielt miteinander zu verbinden.

Praxisbeispiel: Von der Tischlerei zum neuen Quartier in Melk

Im zweiten Teil des Webinars stellte Lukas Fürst die Entwicklung der Tischlerei Melk vor. Das Projekt zeigt, wie aus einer bestehenden Gewerbebrache schrittweise ein neues, vielfältig genutztes Quartier entstehen kann.

Ein wesentliches Prinzip des Projekts war der bewusste Umgang mit dem Bestand. Statt die vorhandenen Gebäude vollständig abzubrechen und neu zu bauen, wurde geprüft, welche Strukturen erhalten und weiterentwickelt werden können. Bestehende Gebäudeteile, Materialien und Ressourcen wurden als Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung verstanden. Durch eine Etappierung können einzelne Bereiche weiterentwickelt werden, während andere Nutzungen innerhalb des Areals bestehen bleiben oder angepasst werden. Dieser Prozess ermöglicht eine kontinuierliche Entwicklung und berücksichtigt gleichzeitig die vorhandenen Ressourcen.

Gerade dieser Ansatz verdeutlicht einen Grundgedanken der Kreislaufwirtschaft: Bestehende Gebäude, Materialien und Infrastrukturen werden nicht als Altlasten, sondern als wertvolle Ressourcen verstanden. Dadurch bleiben bereits investierte Materialien, Energie und Infrastruktur möglichst lange erhalten.

Ein wichtiger Bestandteil des Projekts ist zudem die geplante Nutzungsmischung. Wohnen, Arbeiten (Co-Working Plätze), Dienstleistungen (z.B. Yogakurse), Kultur, Gesundheit (Physiotherapie) und Begegnung sollen an einem Standort miteinander verbunden werden. Ziel ist es, einen lebendigen Ort zu schaffen, der kurze Wege ermöglicht und unterschiedliche Bedürfnisse zusammenführt.

Lukas Fürst betonte dabei, dass nicht allein die Gebäude entscheidend seien. Vielmehr gehe es darum, Orte zu schaffen, die von Menschen genutzt und belebt werden. Die bauliche Entwicklung sei nur die Grundlage für ein funktionierendes Quartier.

Beteiligung der Bevölkerung als wichtiger Erfolgsfaktor

Ein besonderer Stellenwert wurde der Beteiligung der Bevölkerung eingeräumt. Lukas Fürst schilderte, dass Bürger:innen frühzeitig in den Entwicklungsprozess eingebunden wurden und dadurch tatsächlich Einfluss nehmen konnten. Im Rahmen eines mehrstufigen Beteiligungsprozesses wurden Vertreter:innen der Bevölkerung eingebunden, die später auch Teil der Jury des Architekturwettbewerbs waren. Diese Form der Mitgestaltung wurde als wichtiger Bestandteil des Projekterfolgs beschrieben.

Die Erfahrung aus Melk zeigte, dass Beteiligung dann besonders wirkungsvoll ist, wenn sie über reine Information hinausgeht und Menschen echte Verantwortung übernehmen können. Gemeinden können dadurch nicht nur Akzeptanz schaffen, sondern auch zusätzliches Wissen und neue Perspektiven in Entwicklungsprozesse einbringen.

Erkenntnisse aus der Projektentwicklung

Zum Abschluss fasste Lukas Fürst zentrale Erfahrungen aus der Entwicklung des Areals zusammen. Eine wichtige Erkenntnis sei, dass Quartiersentwicklung immer auch Regionalentwicklung bedeutet. Projekte dieser Art wirken nicht nur auf ein einzelnes Grundstück, sondern können Impulse für ganze Regionen setzen.

Darüber hinaus wurde betont, dass Entwicklungen Zeit benötigen und flexibel bleiben müssen. Gerade bei Projekten im Bestand können sich Rahmenbedingungen verändern und neue Möglichkeiten ergeben. Entscheidend sei daher, offen für Anpassungen zu bleiben und Prozesse langfristig zu begleiten.

Auch die Finanzierung wurde thematisiert. Die Umsetzung des Projekts war durch die Kombination verschiedener Fördermöglichkeiten möglich. Entscheidend sei gewesen, Förderungen strategisch zu nutzen und die Entwicklung als langfristigen Prozess zu verstehen.

Rege Diskussion mit kommunalen Entscheidungsträger:innen

In der Diskussion beschäftigten sich die Teilnehmer:innen insbesondere mit den Herausforderungen, die Gemeinden bei der Aktivierung von Leerständen und Brachflächen erleben. Dabei wurde deutlich, dass Eigentumsverhältnisse, Finanzierung und unterschiedliche Interessen häufig zentrale Themen darstellen.

Ein wichtiger Punkt war die Frage, wie Gemeinden Eigentümer:innen erreichen und für eine Entwicklung gewinnen können. Die Referent:innen betonten die Bedeutung eines aktiven Dialogs sowie einer frühzeitigen Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Akteur:innen.

Auch die Förderlandschaft wurde intensiv diskutiert. Dabei wurde hervorgehoben, dass erfolgreiche Projekte häufig durch die Kombination verschiedener Förderinstrumente ermöglicht werden und eine langfristige strategische Planung notwendig ist.

Weitere Fragen bezogen sich auf die Rolle der Bevölkerung in Entwicklungsprozessen. Das Beispiel Melk zeigte, dass Beteiligung besonders dann erfolgreich sein kann, wenn Bürger:innen nicht nur informiert werden, sondern tatsächlich mitgestalten können.

Darüber hinaus wurde die Bedeutung gemischter Nutzungen diskutiert. Die Verbindung verschiedener Funktionen an einem Standort kann dazu beitragen, Ortszentren zu stärken und neue Treffpunkte zu schaffen.

Fazit

Das Webinar zeigte, dass Leerstände und Brachflächen wichtige Entwicklungschancen für Gemeinden darstellen. Sie gehören zu den größten ungenutzten Ressourcen vieler Gemeinden und sind ein zentrales Handlungsfeld der kommunalen Kreislaufwirtschaft. Ihre Aktivierung kann einen wesentlichen Beitrag zu Bodenschutz, Kreislaufwirtschaft und nachhaltiger Ortsentwicklung leisten.

Die Beiträge machten deutlich, dass erfolgreiche Flächenentwicklung mehrere Ebenen verbindet: strategische Planung, geeignete Instrumente zur Identifikation von Potenzialen, passende Förderungen sowie die Einbindung der Bevölkerung.

Während der Brachflächendialog und die vorgestellten Werkzeuge aufzeigten, wie Gemeinden vorhandene Potenziale besser erkennen und nutzen können, verdeutlichte das Praxisbeispiel Melk, wie eine konkrete Transformation im Bestand gelingen kann.

Flächenrecycling bedeutet damit nicht nur die Wiederverwendung von Gebäuden und Grundstücken, sondern auch die Entwicklung neuer Perspektiven für Gemeinden und Regionen. Entscheidend ist ein langfristiger, gemeinsamer Prozess, bei dem bestehende Ressourcen genutzt und neue Qualitäten geschaffen werden.

Take-Home-Messages

  • Leerstände und Brachflächen sind keine Problemflächen, sondern wertvolle Ressourcen für die zukünftige Entwicklung von Gemeinden.
  • Brachflächen und Leerstand zu aktivieren ist gelebte Kreislaufwirtschaft: 
  • Die Aktivierung bestehender Standorte stärkt Ortskerne, reduziert Bodenverbrauch und erhöht die regionale Wertschöpfung.
  • Gemeinden verfügen bereits über zahlreiche Instrumente, Förderungen und Praxisbeispiele, um Flächenentwicklung strategisch anzugehen.
  • Erfolgreiche Projekte entstehen dort, wo langfristige Planung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und die aktive Einbindung der Bevölkerung zusammenkommen.
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